Der Flur ist manchmal der ehrlichste Raum einer Organisation

Das Meeting ist vorbei.
Die Agenda war voll. Die wichtigen Punkte wurden besprochen. Entscheidungen sind gefallen. Alle haben ihre Sicht eingebracht.
Zumindest offiziell.
Denn manchmal beginnt die wirklich interessante Unterhaltung erst danach.
Auf dem Flur.
„Eigentlich sehe ich das anders.“
„Das wird so nicht funktionieren.“
„Das Problem haben wir doch schon seit Monaten.“
Solche Sätze begegnen mir ... immer wieder.
Und ich habe mich dabei ertappt, dass ich ihnen zunehmend mehr Aufmerksamkeit schenke.
Nicht, weil ich glaube, dass Meetings schlecht sind. Und auch nicht, weil ich jedes Flurgespräch für DIE Wahrheit halte.
Sondern weil mich eine andere Frage beschäftigt: "Warum wird das, was Menschen für wichtig halten, manchmal erst gesagt, wenn der offizielle Raum verlassen wurde?"
Zwei Organisationen
In der Organisationsentwicklung sprechen wir häufig über Strukturen, Prozesse, Rollen und Entscheidungswege.
Das ist die sichtbare Organisation. Sie lässt sich beschreiben, dokumentieren und auf einem Organigramm darstellen.
Daneben existiert aber immer auch eine informelle Organisation.
Wer mit wem spricht.
Wem man vertraut.
Wessen Meinung Gewicht hat.
Was man besser nicht anspricht.
Wo Entscheidungen tatsächlich vorbereitet werden.
Und mit wem man nach dem Meeting noch schnell einen Kaffee trinkt.
Beides gehört zur Organisation.
Die informelle Kommunikation ist deshalb nicht automatisch etwas Schlechtes. Im Gegenteil. Sie kann unglaublich wertvoll sein. Sie schafft Nähe, Geschwindigkeit und manchmal Lösungen, für die es im formalen System keinen vorgesehenen Weg gibt.
Interessant wird es dort, wo die beiden Systeme auseinanderlaufen.
Wenn im Meeting Zustimmung signalisiert wird und auf dem Flur Zweifel geäussert werden.
Wenn Entscheidungen formal getroffen sind, aber informell längst weiterverhandelt werden.
Wenn ein Problem bekannt ist, aber niemand es im offiziellen Kreis anspricht.
Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Vielleicht ist das Meeting gar nicht das Problem
Ich könnte jetzt sagen: „Dann braucht es bessere Meetings.“
Eine klarere Moderation.
Eine andere Agenda.
Mehr Raum für Diskussion.
Mehr psychologische Sicherheit.
Alles richtig.
Und trotzdem greift das zu kurz.
Denn vielleicht zeigt das Flurgespräch nicht, dass Menschen schlecht kommunizieren.
Vielleicht zeigt es, dass das System an dieser Stelle etwas nicht ermöglicht.
Vielleicht ist die Hierarchie zu präsent.
Vielleicht fehlen echte Entscheidungsräume.
Vielleicht wurde eine Entscheidung bereits getroffen, bevor das Meeting überhaupt stattgefunden hat.
Vielleicht haben Menschen gelernt, dass kritische Fragen zwar erwünscht sind, aber Konsequenzen haben können.
Oder vielleicht fehlt schlicht die Zeit, um das wirklich Wichtige gemeinsam zu besprechen.
Der Flur ist dann nicht die Ursache. Er ist ein Hinweis.
Genau dort beginnt für mich Organisationsentwicklung
ich habe selbst schon festgestellt, dass es verlockend ist, bei sichtbaren Problemen sofort nach einer Lösung zu suchen.
Meeting optimieren
Prozess anpassen
Rolle definieren
Verantwortung klären
Neues Tool einführen
Heute gehe ich gerne wieder einen Schritt zurück.
Was versucht uns dieses Verhalten über die Organisation zu erzählen?
Denn Menschen kompensieren erstaunlich viel.
Sie sprechen Dinge unter vier Augen an, die im Plenum keinen Platz haben.
Sie übernehmen Aufgaben, die eigentlich niemandem gehören.
Der CEO springt ein, wenn Ressourcen fehlen.
Teams finden informelle Abkürzungen, wenn Prozesse nicht funktionieren.
Und irgendwann sieht es von aussen so aus, als würde die Organisation funktionieren.
Vielleicht funktioniert sie auch.
Aber möglicherweise nur, weil Menschen permanent ausgleichen, was strukturell nicht funktioniert.
Der Flur interessiert mich deshalb
Nicht als Ort, sondern als Beobachtungsfenster.
Was dort gesagt wird, kann eine Information sein.
Über Vertrauen
Über Führung
Über Entscheidungswege
Über Verantwortlichkeiten
Über Zusammenarbeit
Über das, was in einer Organisation besprechbar ist und was nicht.
Und manchmal auch darüber, wie gross die Lücke zwischen der Organisation auf dem Papier und der Organisation im Alltag geworden ist.
Ich finde, es lohnt sich, diese Lücke anzuschauen.
Nicht mit der Frage: „Was läuft hier falsch?“
Sondern zunächst mit: „Was passiert hier eigentlich?“
Denn verstehen kommt vor verändern.
Und manchmal beginnt das Verstehen auf dem Flur.
mworks schaut hin.




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